Archiv der Kategorie: Grenzen

Die schweigende Minderheit traut sich wieder

Vor zehn oder fünfzehn Jahren haben bestimmte Sätze in Talkshows und in den Kommentarspalten noch Empörung ausgelöst. Heute werden dieselben Aussagen oft nur mit einem müden Schulterzucken beantwortet – oder sie finden sogar Zustimmung.

Beispiele gefällig?

  • die Migrationsfrage ist „die Mutter aller politischen Probleme in unserem Land” (Bundesinnenminister Horst Seehofer 9/2018).
  • „Der Asyltourismus muss beendet werden.“ (Markus Söder 6/2018)
  • Hitler und der Nationalsozialismus seien in 1000 Jahren deutscher Geschichte nur ein „Vogelschiss“ (Alexander Gauland 6/2018)

Was hat sich da verändert? Sind die Menschen tatsächlich radikaler geworden? Oder haben sich schlicht Grenzen verschoben?

Gesellschaftliche Normen als unsichtbare Leitplanken

Der portugiesische Politikwissenschaftler Vicente Valentim bietet auf diese Frage eine erhellende Antwort. In seinem 2024 erschienenen Buch The Normalization of the Radical Right beschreibt er, wie soziale Normen das politische Verhalten prägen – und wie deren Erosion zur Sichtbarkeit und zum Erfolg radikal-rechter Kräfte beitragen kann.

Valentim argumentiert, dass politische Einstellungen und politisches Verhalten nicht dasselbe sind. Viele Menschen mögen schon lange fremdenfeindliche oder autoritäre Ansichten hegen, äußern sie aber nicht, solange sie glauben, dass solche Äußerungen gesellschaftlich geächtet sind. Erst wenn diese soziale Ächtung nachlässt, werden solche Haltungen öffentlich sichtbar – und schaffen den Eindruck, als sei die Gesellschaft insgesamt nach rechts gerückt.

In Wirklichkeit, so Valentim, ändert sich weniger die Einstellung als die Norm, die Individuen daran hindert, diese Einstellung allzu offen zu äußern. Wenn einige Akteure diese Grenzen immer wieder bewusst überschreiten und dafür keinen massiven Gegenwind mehr erfahren, hat das Folgen. Schritt für Schritt verschiebt sich die Wahrnehmung dessen, was „normal“ und damit sagbar ist. So werden aus bisher unerhörten Meinungen legitime Positionen im öffentlichen Diskurs.

Die doppelte Dynamik von Angebot und Nachfrage

Valentims „Norms Theory of Political Supply and Demand“ erklärt diesen Wandel auf zwei Ebenen.

  • Einerseits sind da die Wählerinnen und Wähler: Sie fühlen sich freier, radikal-rechte Parteien zu wählen, wenn sie keine sozialen Sanktionen mehr fürchten.
  • Andererseits passen sich auch Parteien und Politiker an: Wenn sie erkennen, dass Tabubrüche keine Karrieren mehr gefährden, sondern im Gegenteil Aufmerksamkeit bringen, trauen sie sich bisher als radikal verpönte politische Forderungen öffentlich zu äußern – und normalisieren damit das Verschobene weiter.

Ein sich selbst verstärkender Kreislauf also.

Der digitale Verstärker

In diesem Zusammenhang bin ich wieder bei der Rolle der soziale Medien. Denn sie sind zurzeit der Ort, an dem Normen nicht nur sichtbar werden, sondern sich auch am schnellsten verändern.

Früher passierte soziale Kontrolle analog und lokal: Familie, Freundeskreis, Kollegen. Wer in diesen engen sozialen Räumen rassistische oder antidemokratische Parolen äußerte, musste meist mit Ablehnung rechnen. Heute existieren unzählige digitale Teilöffentlichkeiten, in denen sich Gleichgesinnte gegenseitig bestätigen. In diesen Echokammern wird nicht sanktioniert, sondern bestärkt.

Das Ergebnis: Die wahrgenommenen Kosten, eine normverletzende Meinung zu äußern, sinken – und damit auch die Hemmschwelle, sie im Alltag offen auszusprechen.

Hinzu kommt die algorithmische Verstärkung. Soziale Netzwerke belohnen Inhalte, die Emotionen auslösen: Empörung, Wut, Angst. Tabubrüche generieren Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit ist die Währung des digitalen Zeitalters.

Je öfter Nutzer mit normverletzenden Aussagen konfrontiert werden, desto mehr gewöhnen sie sich daran. Das vormals Schockierende wird banal, das Abweichende normal.

Politische Akteure wissen das längst für sich zu nutzen. Nicht nur radikal-rechte Bewegungen inszenieren sich gezielt als „Mutige“, die endlich sagen, was „andere sich nicht trauen“.

Wenn die Normen bröckeln

Diese Dynamik verändert die demokratische Öffentlichkeit tiefgreifend. Wo soziale Normen an Bindungskraft verlieren, verschiebt sich das, was als legitimer Teil des Meinungsspektrums gilt – das sogenannte Overton Window. Plötzlich werden Vorschläge salonfähig, die vor wenigen Jahren noch als unvereinbar mit demokratischen Grundwerten galten: ethnische Sortierungen, „Remigration”, Schleifung von Grundrechten, aggressive Rhetorik gegen Minderheiten, wie z.B. Bürgergeld-Empfänger.

Das alles bedeutet nicht zwangsläufig, dass unsere Demokratie erodiert. Normen sind wandelbar – sie können auch erneuert, verteidigt, gestärkt werden. Aber ihre Stabilität hängt eben auch davon ab, dass genügend Menschen sich ihres Wertes und ihrer Bedeutung bewusst sind.

Wenn Empörung über normverletzende Äußerungen als „political correctness“ abgetan wird, verlieren Normen ihre Schutzwirkung. Was dann bleibt, ist ein Diskursraum ohne Grenzen – und damit ohne Boden.

Verantwortung der digitalen Öffentlichkeit

Wir alle sind Teil dieser Entwicklung. Mit jedem Like, jedem Kommentar, jedem Teilen eines Beitrags tragen wir dazu bei, welche Stimmen verstärkt werden und welche leiser werden. Soziale Netzwerke sind kein neutraler Ort; sie sind normative Räume, in denen sich entscheidet, was sagbar bleibt und was nicht.

Die gute Nachricht: Auch Gegenöffentlichkeiten entstehen dort. Viele Nutzerinnen und Nutzer setzen bewusst positive Gegenakzente, widersprechen Hassrede, unterstützen Betroffene oder verbreiten sachliche Informationen. Normen lassen sich nicht verordnen – aber sie lassen sich leben.

Tempo auf deutschen Autobahnen als legitimer Ausdruck von Freiheit?

In Jahrzehnten unfallfreien Fahrens habe ich unzählige Situationen mit Rasern auf der Autobahn erlebt, da stellen sich mir heute noch die Nackenhaare, wenn ich nur daran zurückdenke. Nicht wenige Politiker, die für die Christlich Soziale Union im Bundestag sitzen, sollten sich einmal überlegen, ob es christlich und sozial ist, mit Tempo 200 und mehr über die Autobahn zu brettern und dabei ganz selbstverständlich zu erwarten, dass die freiwillig langsamer fahrenden Verkehrsteilnehmer ständig für sie mitdenken, damit nichts Schlimmes passiert.

Tempo 200 verwandelt ein Fahrzeug in ein Geschoss. Für den, der hinterm Steuer sitzt, mag das Freude bringen und vielleicht auch seinen täglichen Kick Adrenalin. Für alle anderen bedeutet das puren Stress. Ich finde, die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo er mit der Auslebung derselben seine Mitmenschen belästigt.

Das Rauchen in Kneipen und Restaurants
war einst auch so eine „Heilige Kuh“

Wer erinnert sich nicht an die hitzigen Debatten um ein Rauchverbot in Kneipen und Restaurants, die Anfang der 2000er Jahre geführt wurden? Nachdem viele Bundesländer ein solches Rauchverbot erließen, mit der Begründung des Gesundheitsschutzes, haben sich die Gemüter bemerkenswert schnell beruhigt. Selbst viele Raucher sagen heute, dass die Luft in Gaststätten viel besser sei, seitdem dort nicht mehr geraucht wird.

Genau ein solcher Effekt träte ein, wenn ein generelles Tempolimit auf Autobahnen beschlossen würde, davon bin ich überzeugt.

Die Freiheit der Raser endet dort, wo die Freiheit der anderen Autofahrer beginnt.

Die Illusion der „göttlichen“ Ordnung

Der Mensch tendiert nach meiner Beobachtung dazu, die menschengemachte Ordnung mit der „göttlichen“ Ordnung zu verwechseln. Erstere nimmt er aus dieser Verwechslung heraus als gegeben hin und fügt sich in das, was er nach seiner festen Überzeugung sowieso nicht ändern kann.

Das ist, meiner Meinung nach, auch ein wesentlicher Grund, warum menschengemachte Katastrophen, wie Genozide und Weltkriege sich jederzeit wiederholen können. Wer die menschengemachte Ordnung nicht permanent hinterfragt, ihre Fehlentwicklungen schulterzuckend zur Kenntnis nimmt oder gar durch seine Kooperation noch unterstützt, der nimmt (wissentlich oder unwissentlich) in Kauf, dass sich totalitäre Systeme etablieren können.

Zum zivilen Ungehorsam müssen die Menschen permanent ermutigt werden, gerade auch in unseren Breiten.

Disobeye. Now.

Nachtrag am 22.9.2019:
In meinem Beitrag „Wo war „Gott“ zur Zeit der Judenvernichtung, sowie im ersten und im zweiten Weltkrieg? Wieso hat er nicht eingegriffen, wo er doch allmächtig ist? Warum lässt „Gott“ das Leid zu?“ wage ich mich an eine Theodizee aus meiner ganz persönlichen Sicht. Aus dem dort Gesagten folgt, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen einer göttlichen und einer menschengemachten Ordnung gibt. Beide sind untrennbar verbunden, sie sind im Grunde genommen eins. Womöglich liegt die Crux darin, dass der Mensch permanent dazu neigt, sich oder vielmehr Teile von sich abzuspalten, nach außen zu verlagern und von sich getrennt anzusehen. Der Schlüssel zum Heil liegt im Hier und Jetzt. Ich darf mich an jedem neuen Tag, zu jeder neuen Stunde, in jeder neuen Sekunde entscheiden, wohin ich meine Aufmerksamkeit und Energien richte. Wenn ich mich als Werkzeug Gottes begreife, mich für die Liebe entscheide, können Wunder geschehen. Das hört sich so leicht an. Wäre es eigentlich auch, wenn ich nicht ständig wieder der Illusion verfallen würde, ich sei von Gott getrennt.

„Bleibet hier und wachet mit mir.
Wachet und betet,
wachet und betet.“

So lautet der Text eines Liedes der Communauté de Taizé. Er ist inspiriert von Mt 26,36–38, wo es heißt: „Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! [..] Und er ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet.“

Für meinen Alltag bedeutet das: Meditation als Mittel der Rückverbindung zu Gott praktisch leben. Beharrlich. Immer wieder. Auch wenn es schwer fällt in unserer hektischen Zeit.

Blade Runner 2049

Die Fortsetzung des Kultfilm-Klassikers aus dem Jahr 1982, einem meiner absoluten Lieblingsfilme, hat mich mehr als positiv überrascht. Sie entfaltet eine kluge Story, die kombiniert ist mit einem visuell überwältigenden Setting und unterlegt von einem sphärisch-pulsierenden bis betörend-melancholischen Soundteppich, der von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch geknüpft wurde. Das alles ergibt für sich genommen schon eine ziemlich geniale Mischung. Hinzu kommen die meisterhafte Kameraarbeit von Roger Deakins und die hervorragenden schauspielerischen Leistungen, unter anderem von Ryan Gosling und natürlich des alten Haudegens Harrison Ford. Ihr seht schon, ich lobe den Film über den grünen Klee. Aber das hat er meiner Meinung nach auch verdient.

Ein Meisterwerk, das im Bereich Science Fiction neue Maßstäbe setzt.

Wie bereits sein Vorgänger versteht es der Film sehr gut die existenziellen Fragen des Menschseins aufzuwerfen, ohne direkte Antworten zu geben. Wo beginnt es und was macht es überhaupt aus? Gibt es Intelligenz ohne Seele? Wie sehr sind wir geprägt von Erinnerungen und daran beteiligten Emotionen? Was ist Leben? Sind Lebewesen mehr als biochemisch gesteuerte Algorithmen?

„Blade Runner“ bedeutet nach meiner Interpretation so viel wie „Der, der die Klinge führt. Der den sauberen, harten Schnitt macht zwischen menschlicher Existenz, die leben darf und maschineller Existenz, die ausgeschaltet werden muss, wenn sie dem Menschen zur Gefahr wird. Der die Grenzen zieht zwischen belebter und unbelebter Materie“. Den Protagonisten dieser Geschichten wird diese Rolle aufgezwungen. Deckard: „No choice, huh?“. Bryant: „No choice, pal.“ In beiden Filmen wird für mich deutlich, dass dieses Grenzen ziehen eigentlich unmöglich und daher fragwürdig ist. Zwischen schwarz und weiß gibt es keine klaren Linien, dafür viele, viele Graustufen. In Blade Runner 2049 wird das unterstrichen durch eine omnipräsente Dunst- und Nebelglocke, welche das düstere Utopia, eine mögliche Erde der Zukunft, in ihren dicken, undurchschaubaren Schleier hüllt.

Link

„Ich melde mich ab, ich will einen Pass, wo Erdenbewohner drin steht,
einfach nur Erdenbewohner,
sagt mir bitte wohin man da geht.“