Verantwortung des Einzelnen? Papperlapapp!

Warum Prof. Dr. Dr. Frauke Rostalskis Argumentationen zum Klimaschutz ein intellektueller Offenbarungseid sind. Ein Kommentar.

Im von mir sehr geschätzten philosophischen Radio mit Jürgen Wiebecke war neulich Frauke Rostalski zu Gast. Als Professorin für Strafrecht an der Universität Köln und Mitglied des Deutschen Ethikrats ist sie eine gewichtige Stimme im öffentlichen Diskurs. Doch was sie dort über die Verantwortung des Einzelnen für den Klimaschutz von sich gab, lässt mich fassungslos zurück.

Rostalski vertritt die These, dass es derzeit weder eine rechtliche noch eine ethische Verpflichtung für den Einzelnen gebe, seinen CO₂-Ausstoß zu senken. Ihre Begründung fußt auf einem formaljuristischen Verständnis: Da eine individuelle Handlung allein den globalen Klimawandel nicht messbar aufhalte und ein effektives globales Gesamtsystem fehle, sei die Forderung nach Verhaltensänderungen schlicht unzulässig.

„Ein Verhalten, das das Klimaziel nicht messbar näherbringt, kann nicht verpflichtend geboten sein.“ (Frauke Rostalski) Quelle

Mit diesem Satz liefert Frauke Rostalski das perfekte intellektuelle Ruhekissen für alle, denen die Welt zu komplex und die Verantwortung für das eigene Handeln zu unbequem geworden sind. Es ist die Kapitulation der Moral vor einem kleinlichen Nützlichkeitskalkül – und ein Freibrief für die kollektive Untätigkeit.

Realitätsflucht durch juristische Winkelzüge und selektive Wahrnehmung von Fakten

Das Kernproblem Ihrer Argumentation ist jedoch eine erschreckende Realitätsferne. Rostalski diskreditiert das Pariser Klimaabkommen als unwirksam und als reines Anreizsystem für Trittbrettfahrer. Sie warnt vor sogenannten Leakage- und Wasserbetteffekten, bei denen nationale Einsparungen lediglich zu mehr Emissionen an anderer Stelle führten. Dass diese theoretischen Modelle in der modernen Klimapolitik längst durch komplexe Steuerungsmechanismen adressiert werden, scheint in ihrem Weltbild keinen Platz zu finden. Selbst Kritiker wie Lukas Fuhr von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung weisen zu Recht darauf hin, dass ihre Behauptung, bisherige Klimaschutzmaßnahmen seien wirkungslos, schlichtweg faktisch falsch ist. Kritiker machen deutlich, dass Rostalskis Behauptung, bisherige Klimaschutzmaßnahmen seien wirkungslos, einfach nicht stimmt. Um ihre Theorie der individuellen Verantwortungslosigkeit dennoch zu retten, bedient sie sich einer höchst selektiven Methode: Sie pickt sich gezielt wissenschaftliche Positionen heraus, die ihre Thesen unterstützen, während viele dieser Positionen in der Fachwelt kaum Rückhalt finden. So konstruiert sie ein theoretisches Kartenhaus, das bei genauerer wissenschaftlicher Betrachtung in sich zusammenbricht.

Dass sie das nicht nur aus Prinzip tut oder um bewusst einen Kontrapunkt zur weitgehend einhelligen Haltung des Ethikrats zu setzen (siehe Stellungnahme „Klimagerechtigkeit“, Quelle unten), zeigt die Systematik ihres Vorgehens. Ihr Buch „Wer soll was tun?“ sowie ihre begleitenden öffentlichen Auftritte untermauern, dass es sich hierbei offenbar um eine tief sitzende Überzeugung handelt, die sie als explizites Sondervotum gegen die Mehrheit des Deutschen Ethikrats führt. Während die Mehrheit des Rates betont, dass individuelles Engagement moralisch relevant bleibt und zur Entstehung einer notwendigen Kultur der Verantwortung beiträgt, wischt Rostalski genau solche Bemühungen als bedeutungslos vom Tisch.

Organisierte Verantwortungslosigkeit als politisches Geschäftsmodell

Besonders schmerzhaft ist ihr Unverständnis für soziale Dynamiken. Indem sie individuelle Verantwortung für den Klimaschutz abfällig als Moralspektakel oder Ablenkungsmanöver bezeichnet, erliegt sie dem Kategorienfehler einer rein atomistischen Sichtweise. So übersieht sie die Aggregationslogik des Sozialen: Individuelle Signale summieren sich nicht bloß; ab einer kritischen Masse entsteht ein sozialer Kipp-Punkt, an dem individuelle Verhaltensweisen durch Normkaskaden in kollektive Macht transformieren. Veränderungen im Großen beginnen fast immer mit Veränderungen im Kleinen, die den nötigen Rückhalt für politischen Wandel erst schaffen. Indem Rostalski aber den Einzelnen von vornherein moralisch exkulpiert, erklärt sie die Zivilgesellschaft für ohnmächtig. Stattdessen vertröstet sie auf ein ideales globales Regelungs-System – z.B. „Klimaklubs” – das jedoch in Demokratien ohne Legitimation durch die Basis nur sehr schwer durchzusetzen sein wird.

Wenn Rostalski für die Zunft der Rechtswissenschaften steht, frage ich mich ernsthaft, welches wissenschaftliche Verständnis Juristen gemeinhin pflegen. Ein so schlampiges Arbeiten, das im Elfenbeinturm erdachte juristische Winkelzüge höher gewichtet als empirische Evidenz, ist einer Hochschullehrerin schlicht unwürdig. Es stellt sich die dringende Frage, was eine Person im Ethikrat verloren hat, die offensichtlich Fakten selektiert, um sich und ihre Follower von jeglicher Verantwortung zu entlasten.

Mir kommt es so vor, als werde sie von bestimmten Stimmen als Galionsfigur genutzt. Mit akademischem Segen erhalten sie von ihr die intellektuelle Rechtfertigung für ein ethisch bedenkenloses „Weiter so wie bisher“. Dass Rostalski dabei die reale, existenzielle Bedrohung eines überhitzten Planeten gegen abstrakte Freiheitsrechte ausspielt, wird der Verantwortung, die ihr Amt eigentlich mit sich bringt, in keiner Weise gerecht.


Disclaimer: Dieser Beitrag ist bewusst polemisch zugespitzt und gibt die subjektive Überzeugung des Autors wider. Er ist als Einladung zum Widerspruch und zur leidenschaftlichen Debatte über die Grenzen von Recht, Ethik und individueller Verantwortung zu verstehen.

Verwendete Quellen

Die schweigende Minderheit traut sich wieder

Vor zehn oder fünfzehn Jahren haben bestimmte Sätze in Talkshows und in den Kommentarspalten noch Empörung ausgelöst. Heute werden dieselben Aussagen oft nur mit einem müden Schulterzucken beantwortet – oder sie finden sogar Zustimmung.

Beispiele gefällig?

  • die Migrationsfrage ist „die Mutter aller politischen Probleme in unserem Land” (Bundesinnenminister Horst Seehofer 9/2018).
  • „Der Asyltourismus muss beendet werden.“ (Markus Söder 6/2018)
  • Hitler und der Nationalsozialismus seien in 1000 Jahren deutscher Geschichte nur ein „Vogelschiss“ (Alexander Gauland 6/2018)

Was hat sich da verändert? Sind die Menschen tatsächlich radikaler geworden? Oder haben sich schlicht Grenzen verschoben?

Gesellschaftliche Normen als unsichtbare Leitplanken

Der portugiesische Politikwissenschaftler Vicente Valentim bietet auf diese Frage eine erhellende Antwort. In seinem 2024 erschienenen Buch The Normalization of the Radical Right beschreibt er, wie soziale Normen das politische Verhalten prägen – und wie deren Erosion zur Sichtbarkeit und zum Erfolg radikal-rechter Kräfte beitragen kann.

Valentim argumentiert, dass politische Einstellungen und politisches Verhalten nicht dasselbe sind. Viele Menschen mögen schon lange fremdenfeindliche oder autoritäre Ansichten hegen, äußern sie aber nicht, solange sie glauben, dass solche Äußerungen gesellschaftlich geächtet sind. Erst wenn diese soziale Ächtung nachlässt, werden solche Haltungen öffentlich sichtbar – und schaffen den Eindruck, als sei die Gesellschaft insgesamt nach rechts gerückt.

In Wirklichkeit, so Valentim, ändert sich weniger die Einstellung als die Norm, die Individuen daran hindert, diese Einstellung allzu offen zu äußern. Wenn einige Akteure diese Grenzen immer wieder bewusst überschreiten und dafür keinen massiven Gegenwind mehr erfahren, hat das Folgen. Schritt für Schritt verschiebt sich die Wahrnehmung dessen, was „normal“ und damit sagbar ist. So werden aus bisher unerhörten Meinungen legitime Positionen im öffentlichen Diskurs.

Die doppelte Dynamik von Angebot und Nachfrage

Valentims „Norms Theory of Political Supply and Demand“ erklärt diesen Wandel auf zwei Ebenen.

  • Einerseits sind da die Wählerinnen und Wähler: Sie fühlen sich freier, radikal-rechte Parteien zu wählen, wenn sie keine sozialen Sanktionen mehr fürchten.
  • Andererseits passen sich auch Parteien und Politiker an: Wenn sie erkennen, dass Tabubrüche keine Karrieren mehr gefährden, sondern im Gegenteil Aufmerksamkeit bringen, trauen sie sich bisher als radikal verpönte politische Forderungen öffentlich zu äußern – und normalisieren damit das Verschobene weiter.

Ein sich selbst verstärkender Kreislauf also.

Der digitale Verstärker

In diesem Zusammenhang bin ich wieder bei der Rolle der soziale Medien. Denn sie sind zurzeit der Ort, an dem Normen nicht nur sichtbar werden, sondern sich auch am schnellsten verändern.

Früher passierte soziale Kontrolle analog und lokal: Familie, Freundeskreis, Kollegen. Wer in diesen engen sozialen Räumen rassistische oder antidemokratische Parolen äußerte, musste meist mit Ablehnung rechnen. Heute existieren unzählige digitale Teilöffentlichkeiten, in denen sich Gleichgesinnte gegenseitig bestätigen. In diesen Echokammern wird nicht sanktioniert, sondern bestärkt.

Das Ergebnis: Die wahrgenommenen Kosten, eine normverletzende Meinung zu äußern, sinken – und damit auch die Hemmschwelle, sie im Alltag offen auszusprechen.

Hinzu kommt die algorithmische Verstärkung. Soziale Netzwerke belohnen Inhalte, die Emotionen auslösen: Empörung, Wut, Angst. Tabubrüche generieren Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit ist die Währung des digitalen Zeitalters.

Je öfter Nutzer mit normverletzenden Aussagen konfrontiert werden, desto mehr gewöhnen sie sich daran. Das vormals Schockierende wird banal, das Abweichende normal.

Politische Akteure wissen das längst für sich zu nutzen. Nicht nur radikal-rechte Bewegungen inszenieren sich gezielt als „Mutige“, die endlich sagen, was „andere sich nicht trauen“.

Wenn die Normen bröckeln

Diese Dynamik verändert die demokratische Öffentlichkeit tiefgreifend. Wo soziale Normen an Bindungskraft verlieren, verschiebt sich das, was als legitimer Teil des Meinungsspektrums gilt – das sogenannte Overton Window. Plötzlich werden Vorschläge salonfähig, die vor wenigen Jahren noch als unvereinbar mit demokratischen Grundwerten galten: ethnische Sortierungen, „Remigration”, Schleifung von Grundrechten, aggressive Rhetorik gegen Minderheiten, wie z.B. Bürgergeld-Empfänger.

Das alles bedeutet nicht zwangsläufig, dass unsere Demokratie erodiert. Normen sind wandelbar – sie können auch erneuert, verteidigt, gestärkt werden. Aber ihre Stabilität hängt eben auch davon ab, dass genügend Menschen sich ihres Wertes und ihrer Bedeutung bewusst sind.

Wenn Empörung über normverletzende Äußerungen als „political correctness“ abgetan wird, verlieren Normen ihre Schutzwirkung. Was dann bleibt, ist ein Diskursraum ohne Grenzen – und damit ohne Boden.

Verantwortung der digitalen Öffentlichkeit

Wir alle sind Teil dieser Entwicklung. Mit jedem Like, jedem Kommentar, jedem Teilen eines Beitrags tragen wir dazu bei, welche Stimmen verstärkt werden und welche leiser werden. Soziale Netzwerke sind kein neutraler Ort; sie sind normative Räume, in denen sich entscheidet, was sagbar bleibt und was nicht.

Die gute Nachricht: Auch Gegenöffentlichkeiten entstehen dort. Viele Nutzerinnen und Nutzer setzen bewusst positive Gegenakzente, widersprechen Hassrede, unterstützen Betroffene oder verbreiten sachliche Informationen. Normen lassen sich nicht verordnen – aber sie lassen sich leben.

Warum ich Soziale Medien für geeignet halte, unser Gemeinwesen zu untergraben und die Demokratie zu zerstören

Ein persönlicher Essay über die zerstörerischen Dynamiken der digitalen Erregungsökonomie

Ich halte die sogenannten Sozialen Medien für eine der größten Gefahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Stabilität unserer Demokratie. Diese Plattformen sind nicht neutral. Sie sind so konzipiert, dass sie nicht auf Dialog, Aufklärung oder Wahrheitssuche ausgerichtet sind, sondern auf Maximierung von Aufmerksamkeit – und damit auf die systematische Verstärkung von Erregung, Empörung und Polarisierung.

Die Macht der Algorithmen

Was in unseren Feeds erscheint, entscheiden keine Redaktionen, sondern Rechenregeln. Diese Algorithmen bewerten Inhalte nicht nach journalistischer Relevanz, sondern danach, wie stark sie unsere Aufmerksamkeit fesseln. Und das gelingt am besten mit Emotionen: Wut, Angst, Spott, moralische Empörung.

Inhalte, die starke, meist negative Emotionen und Affekte auslösen, verbreiten sich schneller, erzeugen mehr Interaktionen – und werden deshalb algorithmisch bevorzugt. Was ruhig, sachlich oder differenziert ist, geht in der Aufmerksamkeitsökonomie unter. In der Folge entsteht bei Menschen, die sich primär über soziale Medien informieren, ein verzerrtes Abbild der Welt: es stellt sich ihnen krisenhafter, extremer, gefährlicher dar, als sie tatsächlich ist.

Verzerrte Wahrnehmung, fragmentierte Öffentlichkeit

Die technische Architektur sozialer Medien schafft keine gemeinsame Öffentlichkeit, sondern parallele Wahrnehmungswelten. Jeder sieht etwas anderes – je nachdem, wem man folgt, was man liked und teilt. So entstehen Echokammern und Filterblasen, in denen nur noch die eigene Meinung gespiegelt und verstärkt wird.

Der demokratische Diskurs aber braucht gemeinsame Bezugspunkte: geteilte Informationen, ein Mindestmaß an Fakten, über die gestritten werden kann. Wenn aber nicht einmal mehr Einigkeit darüber besteht, was Fakt ist, wird Verständigung schwierig bis unmöglich. Dann bleibt nur noch Misstrauen – und am Ende Zynismus.

Desinformation und Affektsteuerung

Die Plattformen machen es extrem einfach, Falschinformationen zu verbreiten – sei es aus politischen, wirtschaftlichen oder schlicht narzisstischen Motiven. Untersuchungen zeigen, dass emotionale, insbesondere falsche oder zugespitzte Inhalte sich besonders schnell verbreiten.

Soziologen und Philosophen sprechen inzwischen von einer veränderten gesellschaftlichen Verfasstheit: Wir leben in einem Zeitalter der Affekte. In „Das Ende der Illusionen: Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne“ (2019) beschreibt der Soziologe Andreas Reckwitz, wie sich die Öffentlichkeit unter dem Einfluss digitaler Medien tiefgreifend wandelt. Die Meinungs- und Willensbildung vollzieht sich heute zunehmend emotionalisiert und beschleunigt – und lässt sich kaum noch mit den langsamen, auf Ausgleich angelegten Institutionen der liberalen Demokratie in Einklang bringen.

Der Philosoph Byung-Chul Han analysiert in „Im Schwarm: Ansichten des Digitalen“ (2013) eine vergleichbare Entwicklung: Eine von sozialen Netzwerken geprägte Gesellschaft, in der Affekte die politische Kommunikation dominieren. Nicht das bessere Argument zählt, sondern die stärkere Reizwirkung – getrieben von Likes, Shares und algorithmischer Sichtbarkeit.

Aber berichten nicht auch klassische Medien vor allem über die „Aufreger”?

Das stimmt. Auch klassische Medien konzentrieren sich stark auf Skandale, Krisen und Katastrophen. Das liegt teils an ökonomischen Zwängen, teils an journalistischen Nachrichtenlogiken, die sich unter dem Slogan „Only bad news are good news“ subsumieren lassen.

Aber es gibt entscheidende Unterschiede:

  • Gatekeeping: Klassische Medien treffen redaktionelle Entscheidungen – im Idealfall unter Einhaltung von Standards wie Faktenprüfung, Einordnung, Gegenposition. Soziale Medien hingegen verbreiten Inhalte rein algorithmisch – auf Basis von emotionaler Reaktion, nicht von Relevanz.
  • Einordnung: Klassischer Journalismus bemüht sich um Kontext und Deutung. Soziale Medien fördern Reiz-Reaktions-Muster, oft ohne Quelle oder Zusammenhang.
  • Gemeinsame Öffentlichkeit: Zeitungen, TV- oder Radiosendungen unternehmen zumindest den Versuch, gemeinsame Bezugspunkte zu schaffen. Plattformen wie Facebook, TikTok oder X fragmentieren die Wahrnehmung in Milliarden individueller Streams.

Was macht das mit uns – als Bürgerinnen und Bürger, als Gesellschaft?

Wenn gesellschaftliche und politische Debatten überwiegend über Plattformen stattfinden, die Erregung und Polarisierung verstärken, dann verändert das auch unser Denken und Fühlen. Wir verlernen das Aushalten von Widerspruch und Widersprüchen, das Ringen um Kompromiss, das differenzierte Argument. Stattdessen neigen wir dazu, sofort zu urteilen – und uns sofort aufzuregen.

Die zentrale Frage lautet daher: Wie wollen wir als Gesellschaft miteinander leben?

Wie schaffen wir Räume, in denen nicht der lauteste oder wütendste Beitrag zählt, sondern das bessere Argument? Wie können wir wieder eine Öffentlichkeit ermöglichen, die Verständigung und Ausgleich sucht – statt Zersplitterung zu fördern?

Was können wir tun?

Man muss nicht gleich so weit gehen wie Schlecky Silberstein, der bereits 2018 in seinem vielbeachteten Büchlein forderte: „Das Internet muss weg.“ Und auch nicht so weit wie manche Kulturpessimisten, die in jeder schwachsinnigen TikTok-Story das Ende der Aufklärung sehen. Aber es reicht eben auch nicht, einfach weiterzumachen wie bisher – so als wäre das alles nur ein bisschen Übertreibung oder unvermeidbare Begleiterscheinung der Emanzipation von alten Autoritäten.

Wir stehen vor einer grundsätzlichen Entscheidung:
Wollen wir digitale Öffentlichkeiten, die dem demokratischen Miteinander dienen – oder algorithmisch gesteuerte Erregungsmaschinen, die uns mit einem Wechselbad aus Dopamin und Cortisol in Daueralarm versetzen und uns zugleich systematisch auseinanderdividieren?

Dafür braucht es keine Verbote – aber Gestaltung. Und Verantwortung.

Ein paar erste Schritte:

  • Medienkompetenz fördern – nicht nur in Schulen, sondern auch in der Erwachsenenbildung. Menschen müssen verstehen, wie Plattformen funktionieren, warum sie funktionieren, und was das mit unserer Wahrnehmung macht.
  • Plattformen regulieren – nicht um Inhalte zu zensieren, sondern um ihre Mechanismen transparent und demokratisch kontrollierbar zu machen. Algorithmen dürfen keine Black Boxes bleiben, die im Verborgenen unsere Gesellschaften formen.
  • Öffentliche Räume jenseits der Aufmerksamkeitsökonomie stärken – etwa gemeinwohlorientierte Plattformprojekte, lokale Diskussionsforen, journalistische Medien mit klarer ethischer Ausrichtung. Demokratie braucht Orte, an denen man streiten kann, ohne sich gegenseitig zu vernichten.
  • Eigene Gewohnheiten hinterfragen – ganz konkret. Warum teile ich diesen Beitrag? Um zu informieren – oder zur Selbstvergewisserung? Aus Sorge – oder aus Empörung? Mit wem spreche ich überhaupt noch außerhalb meiner Blase?

Denn letztlich beginnt die Demokratie bei jeder und jedem Einzelnen.

Demokratie ist eine empfindliche Pflanze

Demokratie gedeiht nicht in der Hitze ständiger Empörung. Sie braucht Raum zum Wachsen – Luft, Zeit, Geduld. Sie wurzelt in gegenseitigem Vertrauen, in der Bereitschaft, einander zuzuhören, auch wenn es schwerfällt. Sie lebt von der Hoffnung, dass wir gemeinsam Lösungen finden können – und nicht davon, dass sich der Stärkere oder Lautere durchsetzt.

Soziale Medien, wie sie heute konzipiert sind, sind kein guter Boden für diese Pflanze. Aber wir können ihn bereiten – durch Umdenken, durch bewusstere Kommunikation, auch mit Blick auf unsere persönliche Verantwortung. Vielleicht ist es an der Zeit, unsere digitale Umwelt so ernst zu nehmen wie unsere ökologische. Denn was dort wächst, liegt auch an uns.

Post scriptum:

Natürlich lässt sich einwenden, dass soziale Medien nicht nur zerstören, sondern auch verbinden, aufklären und mobilisieren können – dass sie marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen und neue Formen von Öffentlichkeit ermöglichen. Auch ist richtig, dass klassische Medien selbst Teil jener Erregungsökonomie sind, die ich kritisiere. Und ja, Menschen sind keine bloßen Opfer von Algorithmen – sie treffen Entscheidungen, haben Handlungsspielräume.

Aber genau darin liegt mein Punkt: Die gegenwärtige Plattformlogik verengt diese Spielräume systematisch. Sie verstärkt das, was trennt, nicht das, was verbindet. Sie befördert Erregung, nicht Verständigung. Und sie tut dies nicht zufällig, sondern strukturell – eingebettet in ökonomische und politische Machtverhältnisse, die sie kaum kontrollierbar machen.

Mein Text will keine ausgewogene Gesamtschau liefern. Er will zuspitzen, wo oft verharmlost wird. Und er will fragen, was wir als Gesellschaft bereit sind zu tun, um demokratische Öffentlichkeit nicht dem Markt der Affekte zu überlassen.

Kann Ostern langsam einpacken?

Man möchte es kaum laut aussprechen, aber der Religionssoziologe Gert Pickel bringt es im Interview mit katholisch.de auf den Punkt: Ostern hat es schwer. Theologisch gesehen mag es zwar das wichtigste Fest des Christentums sein – ohne Auferstehung kein Neubeginn, keine Erlösung, keine Hoffnung, kein ewiges Leben. Aber ganz ehrlich: Was bringt einem das, wenn’s im Wohnzimmer einfach nicht so richtig knistert?

Weihnachten, das ist Kerzenschein, Plätzchenduft, Geschenkpapier und „Last Christmas“. Ein Wohlfühlfest für die ganze Familie, von der Krippe bis zum Rentierschlitten durchkommerzialisierbar. Ostern dagegen? Da geht’s um Leid, Kreuzigung, Tod – und dann um etwas so schwer Vorstellbares wie eine Auferstehung. Kein Wunder, dass die Emotionen da nicht so recht in Wallung kommen.

Pickel sagt: Ostern lässt sich einfach schwerer symbolisch aufladen. Ich würde ergänzen: Es lässt sich auch schlechter verpacken. Weihnachten bringt Geschenke – buchstäblich. Schon das Jesuskind erhält Gold, Weihrauch und Myrrhe. Ostern dagegen hat … Eier. Schokolade, klar – aber nichts, was sich wirklich unter einen Baum legen ließe.

Zumal es gar keinen Baum gibt. Und wo kein Baum, da kein warmes Leuchten im heimischen Wohnzimmer, kein zivilisationskompatibles Lagerfeuer, um das sich einmal im Jahr die ganze Familie rituell versammelt. Nur ein frühlingshaftes „Halleluja, es geht wieder los“.

Während also Weihnachten selbst für kirchenferne Menschen ein emotionales Ritual mit klaren Bildern ist – Krippe, Geschenke, Lichter –, bleibt Ostern oft abstrakt, schwer greifbar und auch anstrengend. Es fehlt an erzählerischen Elementen, die die Osterbotschaft in den konkreten Alltag der Menschen integrieren könnten. Die die Menschen sofort packt. „Will ich haben“.

Vielleicht liegt hier die Herausforderung: Ostern ist kein Fest des Konsums, sondern eine Einladung zur inneren Wandlung. Es geht nicht nur um das, was wir bekommen, sondern auch um das, was wir loslassen (dürfen) – Angst, Schuld, Resignation. Ostern ruft dazu auf, das Leben in seiner ganzen Tiefe zu feiern – in der Freiheit, das Unperfekte auszuhalten: an sich selbst und am Leben.

Frohe Ostern! Trotzdem. Oder gerade deswegen.

Die liberale Ordnung am Abgrund? Eine Spurensuche

Die liberale Demokratie steht an einem kritischen Wendepunkt – und das nicht irgendwo, sondern in ihren einstigen Vorzeigeländern. Donald Trump ist zurück im Amt. Kaum vereidigt, hat sein Sonderbeauftragter Elon Musk mit der Entlassung zehntausender Staatsbediensteter begonnen. Die Regierung agiert fast ausschließlich per Dekret, während zugleich der Druck auf Justiz und Hochschulen massiv zunimmt. Weltweit mehren sich die Stimmen, die nicht weniger als den Umbau der US-Demokratie wahlweise in eine Autokratie oder in eine Oligarchie der Milliardäre diagnostizieren – ein Vorgang, der bisher meist mit Ungarn oder Russland assoziiert wurde.

Gleichzeitig verzeichnet auch hier in Europa die autoritäre Rechte historische Wahlerfolge: Die AfD erzielt bei der Bundestagswahl 2025 ein Ergebnis, das noch vor wenigen Jahren undenkbar schien, und in Österreich stand die FPÖ im Jahr 2024 kurz vor der Regierungsübernahme.

Die Frage liegt auf der Hand: Was passiert hier gerade – und warum?
Geht unsere Demokratie an äußeren Feinden zugrunde oder an inneren Erosionen? Liegt die Wurzel in wachsender Ungleichheit, einem sich entziehenden politischen System – oder in einem übersteigerten Individualismus, der den Blick für das Gemeinwohl verloren hat?

Individualismus – Symptom oder Ursache?

Individualismus als alleinige Ursache im Rahmen einer Diagnose der gegenwärtigen politisch-gesellschaftlichen Probleme halte ich für verkürzt. Ob er allerdings lediglich ein Symptom ist, da bin ich mir nicht so sicher. Vielleicht müssen wir uns zunächst einmal darüber verständigen, was wir unter Individualismus überhaupt verstehen.

Ich begreife Individualismus als die Emanzipation des Einzelnen vom Kollektiv – eine Idee, auf der nicht zuletzt die Menschenrechte beruhen, die in vielen Staaten verfassungsrechtlich verankert sind und auch der UN-Charta zugrunde liegen. In diesem Sinn ist Individualismus ein zutiefst humanistisches Prinzip – und eine der Grundsäulen der liberalen Demokratie.

Gleichzeitig zeigt ein Blick in die Ideengeschichte, wie unterschiedlich dieses Prinzip ausgelegt werden kann: Friedrich Nietzsche etwa denkt Individualismus radikal subjektiv – jenseits von Moral oder Gemeinschaft. In den USA (und nicht nur dort) wurde daraus im Libertarismus eine politische Strömung, die den Staat als Gegner der individuellen Freiheit versteht. Ayn Rand, Ikone dieser Bewegung, propagierte in Atlas Shrugged eine Ethik der Selbstbehauptung, in der staatliches Eingreifen nahezu ausnahmslos negativ bewertet wird.

Das zeigt: Individualismus ist nicht gleich Individualismus. Kants Idee vom mündigen Subjekt, das autonom handelt, aber stets auch das Allgemeine mitdenkt, unterscheidet sich fundamental von einem rücksichtslosen Autonomiebegriff im neoliberalen oder libertären Sinne.

Und genau darin liegt für mich der Knackpunkt: Wir müssen uns fragen, welche Art von Individualismus wir meinen, wenn wir über gesellschaftliche Auswirkungen sprechen.

Hierbei dürfen natürlich strukturelle Faktoren nicht ausgeblendet werden. Armut, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und mangelnde Bildungschancen untergraben seit jeher demokratische Teilhabe. Wer in permanenter (auch materieller) Unsicherheit lebt, hat kaum Ressourcen, sich konstruktiv in politische Prozesse einzubringen. Politikwissenschaftliche Studien bestätigen das immer wieder. Und genau hier zeigt sich auch eine Verbindung zur Professionalisierung der Politik. Ich würde noch ergänzen: auch eine Verwissenschaftlichung (man denke etwa an die Klimapolitik oder die Corona-Krisenpolitik), die politische Prozesse häufig technokratisch erscheinen lässt und damit ihre wahrgenommene Legitimität untergräbt. Und das ganz unabhängig davon, wie alternativlos fachliche Expertise in manchen komplexen Politikfeldern inzwischen geworden ist.

Entfremdung der Individuen von der Politik

Beides trägt in meinen Augen zur Entfremdung bei – besonders bei Menschen, die sich nicht ernstgenommen oder gehört fühlen. Politik wird zur Black Box, zu einem System, das „irgendwo da oben“ operiert, während man selbst mit den alltäglichen Härten des Lebens ringt. Aus dieser Mischung aus Frustration, Trotz und Ohnmacht wenden sich viele den Populisten an den politischen Rändern zu – nicht unbedingt, weil sie deren Programme rational durchdacht hätten, sondern weil deren einfache Narrative emotional andocken und ein Gefühl von Kontrolle und Identität vermitteln.

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, den Erfolg populistischer Bewegungen ausschließlich als „Protest der Abgehängten“ zu deuten. Auch viele Menschen aus der bürgerlichen Mitte, gut ausgebildet und materiell abgesichert, gehen rechtspopulistischen oder autoritären Erzählungen nur zu gerne „auf den Leim“ – sei es aus Angst vor gesellschaftlichem Wandel (man denke etwa an die Migrations- oder Gender-Debatte), aus Misstrauen gegenüber politischen und medialen Eliten oder aus einem tiefsitzenden Wunsch nach klarer Orientierung und einfachen Antworten in einer als komplex und widersprüchlich empfundenen Welt. Beispiele dafür sehen wir sowohl in Deutschland mit der AfD als auch in den USA mit der MAGA-Bewegung rund um Donald Trump.

Social Media als „Brandbeschleuniger”

Diese Dynamiken werden nicht zuletzt durch den Wandel der Medienöffentlichkeit verstärkt. Die sozialen Medien haben es in den letzten Jahren möglich gemacht, dass affektgeladene, vereinfachte oder gar verschwörungstheoretische Inhalte ungefiltert und in Echtzeit verbreitet werden. Der Unterschied zu vor zwanzig Jahren ist eklatant: Damals dominierten noch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und einige privatwirtschaftliche Medienhäuser, die – mit Ausnahme der Boulevardpresse – zumindest einem gewissen journalistischen Ethos verpflichtet waren. Heute konkurrieren sie mit einem endlosen, breiten wie lauten Strom an digitalem Nonsens, dessen Reichweite sich eher nach Likes und Algorithmen richtet als nach Relevanz oder Faktenlage.

Das verändert nicht nur, was kommuniziert wird, sondern auch, wie politische Debatten geführt werden – und ob überhaupt noch ein gemeinsamer Kommunikationsraum existiert, der Verständigung erlaubt. Womit ich wieder bei meiner Kritik an einem Individualismus bin, der den Blick für das große Ganze und den gesellschaftlichen Zusammenhalt verloren hat.

Vielleicht müssen wir daher zwei Fragen gleichzeitig stellen:

  1. Wie viel Individualismus verträgt eine Gesellschaft – und welche Art von Individualismus braucht sie?
  2. Und wie kann politische Teilhabe in Zeiten medialer Fragmentierung und wachsender sozialer Ungleichheit überhaupt noch gelingen?

Neue Antworten darauf werden nicht von selbst entstehen. Sie müssen diskutiert, ausprobiert und konkret erarbeitet werden. Besonders die Idee, neue Plattformen oder Diskussionsräume aktiv (mit)zugestalten, erscheint mir dabei zentral. Gerade weil viele klassische Orte der politischen Sozialisation – wie Schulen, Vereine oder Kirchengemeinden – an Bindungskraft verlieren, braucht es neue Formate und vielleicht auch mutigere Experimente.

Mir fallen in diesem Zusammenhang die Bürgerwerkstätten und Bürgerräte ein, die auf kommunaler Ebene teils schon praktiziert werden (mit unterschiedlichem Erfolg) – aber inzwischen auch auf Landes- und Bundesebene getestet werden. Ich halte viel davon, solche deliberativen Verfahren weiter auszubauen, gerade weil sie nicht auf Repräsentation durch Parteien oder politische Teilhabe durch Wahlen beschränkt sind, sondern Menschen konkret ins Gespräch miteinander bringen können – über Meinungsgrenzen hinweg.

Freilich besteht auch die Gefahr, dass Bürgerinnen und Bürger viel Zeit und Herzblut in solche Prozesse investieren und am Ende feststellen, dass nur wenig davon in der realen Politik wirklich umgesetzt wird. Wie man dem entgegenwirken kann, darauf habe ich bislang leider keine überzeugende Antwort gefunden.

Fünf Jahre nach dem Lockdown …

Fünf Jahre nach dem ersten Corona-Lockdown ringt die deutsche Gesellschaft – oder zumindest Teile davon – mit der Aufarbeitung einer historischen Ausnahmesituation. Der kollektive Kraftakt zur Eindämmung einer unsichtbaren Gefahr ist inzwischen zu einem heftig umkämpften Erinnerungsraum geworden. In seinem Essay in der ZEIT bescheinigt Johannes Schneider der aktuellen Debatte eine Schlagseite: Lautstark artikulierten sich vor allem jene, die sich von den damaligen Maßnahmen übergangen, entrechtet oder gar geschädigt fühlen – während die Mehrheit der Bevölkerung, die die politischen Entscheidungen damals mittrug, heute oft schweige.

Schneiders zentraler Punkt: Die derzeitige Erzählung sei verzerrt. Wer die Corona-Zeit vor allem als Phase staatlicher Willkür und übergriffiger Maßnahmen darstellt, lasse eine große Zahl von Menschen unerwähnt, die die Maßnahmen mitgetragen und sich solidarisch verhalten hätten. Dabei seien diese Stimmen für eine ehrliche gesellschaftliche Rückschau ebenso wichtig – gerade auch, um die demokratische Erinnerungskultur nicht einer lautstarken Deutungsminderheit zu überlassen.

In den Leserkommentaren unter dem Artikel prallen dann auch unterschiedliche Sichtweisen aufeinander. Daraus kann ich nur schließen, dass die Pandemie längst nicht abgeschlossen ist – nicht in wissenschaftlicher Hinsicht, vor allem aber nicht gesellschaftlich.

Die Kritiker der Maßnahmen: Zwischen Freiheitsverlust und Vertrauensbruch

Viele Kommentatoren melden sich mit einer dezidierten Kritik an der damaligen Politik zu Wort. Sie sehen in den Lockdowns, Schulschließungen und Kontaktverboten unverhältnismäßige Eingriffe in die Grundrechte. Vor allem Kinder, Jugendliche, Selbstständige und psychisch belastete Menschen hätten unter den Maßnahmen gelitten. Ein häufig wiederkehrender Vorwurf lautet: Die Politik habe mit Angst gearbeitet, Medien hätten gleichgeschaltet gewirkt, und kritische Stimmen seien pauschal diffamiert worden.

Zentrale Kritikpunkte umfassen die lange Dauer einzelner Maßnahmen, unklare oder widersprüchliche Kommunikation, sowie das Fehlen belastbarer Daten zur Wirksamkeit der Einschränkungen. Auch der Vergleich mit Ländern wie Schweden, die weniger restriktiv vorgingen und dennoch vergleichsweise geringe Übersterblichkeit verzeichneten, wird zur Untermauerung dieser Position herangezogen. So schreibt User „Wiesner.2055” am 23.3.2025: „Am besten lief es in Schweden, mit den vergleichsweise geringsten autoritären Maßnahmen. Während der Pandemie wurde von Maßnahmenbefürwortern getönt: Die Schweden werden schon sehen, am Ende wird die Übersterblichkeit dort am schlimmsten sein. Das Gegenteil ist eingetreten. Schweden hat nachweislich mit die geringste Übersterblichkeit in ganz Europa in den Coronajahren gehabt, deutlich geringer als die absilut vergleichbaren direkten Nachbarländer. Und was fällt den Maßnahmenbefürwortern von damals ein: Relativieren, Ablenken, in Zweifel ziehen, Ignorieren. Tja denn, ihr seid größtenteils wohl leider nur daran interessiert Recht zu behalten. Verantwortung übernehmen, echte Aufarbeitung und Einsicht sieht halt anders aus.”

Besonders emotional sind Beiträge zur Impfpolitik: Kritisiert wird sowohl der gesellschaftliche Druck durch 2G-Regeln als auch der Umgang mit Impfschäden. Einige Kommentatoren werfen den Verantwortlichen eine mangelnde Bereitschaft zur echten Aufarbeitung vor – stattdessen werde beschwichtigt, relativiert oder ignoriert. Die Empörung scheint sich auch aus dem Gefühl zu speisen während der Pandemie moralisch oder sozial ausgegrenzt worden zu sein.

Die Befürworter der Maßnahmen: Verantwortung, Solidarität und schwierige Entscheidungen

Demgegenüber stehen Leserinnen und Leser, die die Corona-Politik als notwendig und vernünftig verteidigen. Sie verweisen auf die außergewöhnliche Bedrohungslage: Überlastete Intensivstationen, hohe Sterberaten in Nachbarländern, ein Virus, dessen Ausmaß und Gefährlichkeit zunächst kaum abzuschätzen waren. In diesem Licht erscheinen die Maßnahmen nicht als autoritär, sondern als Ausdruck von Verantwortung und Solidarität – besonders gegenüber älteren und vulnerablen Gruppen.

So schreibt Nutzer „Geisterstunde” am 24.3.2025: „Mir gehen Leute auf die Nerven, die meinen im Herbst 2020 hätten es auch schwächere Maßnahmen getan, da die Krankenhäuser noch nicht flächendeckend überlastet waren, die nicht verstehen, dass Maßnahmen nicht sofort wirken, dass 2 weitere Verdoppelungen der Patientenzahlen zu einer großflächigen Überlastung der Krankenhäuser geführt hätten und es kurz davor war. Ich weiß nicht wie man ignorieren kann, dass die Verzögerung der Maßnahmen um 2 Wochen tausende von Menschenleben gekostet hat.”

Viele Befürworter räumen ein, dass in der Umsetzung einzelner Maßnahmen Fehler gemacht wurden, betonen aber, dass die meisten Entscheidungen unter großem Zeitdruck und auf unsicherer Datenbasis getroffen werden mussten. Die früh verfügbaren Impfmöglichkeiten, die Rettung vieler Menschenleben und das erfolgreiche Abstandhalten gelten als Belege für ein grundsätzlich funktionierendes Krisenmanagement.

Gleichzeitig sehen sie die aktuelle Debatte mit Skepsis: Häufig werde pauschal verurteilt, ohne den Kontext der damaligen Lage zu berücksichtigen. Kritisiert wird auch das Verhalten mancher Maßnahmengegner, denen mangelnde Einsicht und ideologische Voreingenommenheit vorgeworfen werden. Die Solidarität der Mehrheit, die sich impfen ließ und Maßnahmen mittrug, dürfe in der heutigen Rückschau nicht untergehen. Zudem wird beklagt, dass der Geist des Miteinanders im Laufe der Debatte verloren ging. Beispielsweise schreibt Nutzer „EgalWieSchall&Rauch” am 23.3.2025: „Am Bedauerlichsten ist, dass die Stimmung vom Anfang verloren ging. Dieses mitfühlende einander Zuhören (natürlich wurde gerade wegen des Lockdowns intensiv darüber gesprochen). Der Zusammenhalt, die Bereitschaft das beste draus zu machen, sich gegenseitig zu helfen.”

Die Vermittler: Für eine ehrliche und lernbereite Gesellschaft

Zwischen den Fronten positionieren sich differenzierende Stimmen, die weder pauschale Verurteilungen noch rückhaltlose Rechtfertigungen für sinnvoll halten. Diese Kommentatoren betonen, dass die Corona-Krise eine extrem komplexe Herausforderung darstellte – ohne einfache Antworten. Sie fordern eine sachliche und vorurteilsfreie Aufarbeitung, die sowohl die Notwendigkeit vieler Maßnahmen anerkennt als auch deren negative Nebenwirkungen offen anspricht.

Zentral für diese Perspektive ist das Eingeständnis von Ambivalenzen: Ja, es wurden Fehler gemacht – in Kommunikation, Umsetzung, Prioritätensetzung. Aber nein, das bedeutet nicht, dass alles falsch oder gar böswillig war. Diese Position plädiert für einen demokratischen Diskursstil, der produktive Lernprozesse ermöglicht – statt Schuldzuweisungen oder moralischer Überhöhung.

Gleichzeitig wird auch zur Selbstreflexion aufgerufen: Man solle nicht mit dem Wissen von heute über die Entscheidungen von gestern urteilen, sondern aus ihnen lernen, um in zukünftigen Krisen besser und menschlicher handeln zu können.

Fazit: Zwischen Polarisierung und Lernbereitschaft

Sicher: Solche Online-Leserkommentare unter einem Zeitungsbeitrag sind nur eine Momentaufnahme und noch dazu eine verzerrte, weil sie nicht als repräsentativ gelten kann. Dennoch scheinen sie mir die Spannungen einer Gesellschaft zu spiegeln, die nach einer extrem belastenden Zeit um Normalität ringt. Während manche die Pandemie als beispiellosen Kontrollverlust empfinden, sehen andere sie im Rückblick als vorübergehenden Notfallmodus einer Gesellschaft, in dem Solidarität auch zulasten von Freiheitsrechten gehen musste – und wieder andere erkennen in ihr vor allem ein kollektives RIngen um Orientierung und Zusammenhalt.

Für eine gerechte und demokratische Aufarbeitung braucht es meiner Ansicht nach all diese Stimmen – in Anerkennung ihrer Widersprüche und in der Hoffnung auf gegenseitiges Verstehen und Verzeihen, vielleicht auch Versöhnung.

Die Leerstelle: Schweigen der Mehrheit

Schließlich bleibt die Frage offen, warum die Mehrheit jener, die damals überzeugt „Ja“ sagten zu den Maßnahmen, heute schweigt. Johannes Schneider sieht darin eine gefährliche Leerstelle. Ist es Resignation? Angst vor Shitstorms? Oder schlicht das Gefühl, dass die eigene Sicht nicht mehr gefragt ist? Was auch immer die Gründe sind – wenn öffentliche Erinnerung sich nur aus den Stimmen der Enttäuschten, Empörten oder Radikalisierten speist, ist eine ausgewogene historische Aufarbeitung wohl kaum möglich.

Bild: Christian Schmitt via Dall-E 3

Innerer Frieden und seine gesellschaftliche Dimension

Die Nachrichtenlage in der Welt ist zurzeit besonders bedrückend: Kriege, Krisen, Populismus, Klimakrise – die Schlagzeilen scheinen uns täglich in ein Meer aus Sorgen und Unsicherheit zu ziehen. Wenn wir nicht innerlich stark sind, kann uns das lähmen. Deshalb habe ich etwas verändert: Ich reduziere meinen Nachrichtenkonsum und die Zeit, die ich in den Sozialen Medien verbringe. Klingt vielleicht radikal, doch den gewonnenen Freiraum nutze ich, um still zu werden – zu beten und zu meditieren.

Wie innerer Frieden sich auf unser Umfeld auswirkt

Der Apostel Paulus schrieb: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17). Gebet und Stille mögen das Weltgeschehen nicht unmittelbar verändern – aber sie können Frieden schaffen, und sei es zunächst in meinem eigenen Herzen. Dieser innere Frieden hat die Kraft, sich wie Wellen auf mein unmittelbares – und möglicherweise auch weiteres – Umfeld auszubreiten.

Manchmal beginnt der Wandel in der Welt mit dem Frieden, den wir in uns selbst finden. Daran glaube ich fest.

Mir geht es nicht darum, sich kampflos zurückzuziehen und die Welt anderen zu überlassen. Vielmehr geht es darum, sich einerseits wieder zu verbinden (religare) mit dem „großen Ganzen“ und andererseits von einem dualen Bewusstsein zu einem non-dualen Bewusstsein zu gelangen – in dem Sinne, dass alles sein darf und alles miteinander verbunden ist.

Diese Verbundenheit verstehe ich jedoch nicht in erster Linie als eine mystisch-esoterische Erfahrung, sondern als eine ganz praktische Erkenntnis in der Lebenswelt: Ich bin nicht allein. Alles, was ich tue oder nicht tue, hat Auswirkungen. Der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt kann das Weltgeschehen verändern.

Warum Bewusstseinswandel politische Strukturen verändern kann

Meditation hilft mir, die Zerrbilder loszulassen, die das sogenannte „Ego“ von der Welt erschafft. Mein Eindruck ist, dass das „wahre Selbst“ die Welt und die Mitmenschen mit einem akzeptierenden, liebenden, gütigen und barmherzigen Blick sieht. Das wiederum scheint mir eine wesentliche Voraussetzung für echten Frieden zwischen den Menschen zu sein – und wenn viele diesen Weg gehen, kann das sogar Gesellschaften und politische Verhältnisse verändern.

Denn gesellschaftlicher Wandel beginnt nicht allein in den Parlamenten oder auf den Straßen, sondern tief in den Herzen der Menschen. Ein Bewusstseinswandel kann langfristig Strukturen verändern. Wenn wir in uns den Mut, die Empathie und die innere Ruhe kultivieren, dann prägt das auch unser Handeln. Und unser Handeln beeinflusst wiederum unser Umfeld – bis hin zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Prozessen.

Gleichzeitig hilft mir Meditation, gelassener mit den ständigen Horrormeldungen umzugehen. Ich spüre, dass meine persönliche Resilienz dadurch wächst. Ich verliere mich weniger in Ängsten oder Ohnmachtsgefühlen, sondern fühle mich handlungsfähig. Und genau das ist es, was unsere Gesellschaft in diesen Zeiten braucht: Menschen, die nicht aus Angst und Wut heraus reagieren, sondern aus einem inneren Frieden heraus agieren.

Vielleicht beginnt der große Wandel nicht mit einem lauten Aufschrei, sondern mit vielen Menschen, die in sich selbst Frieden finden – und ihn dann in die Welt tragen.

Krieg und Frieden: Ein Diskurs zwischen Ideal und Realität

Die Frage nach Krieg und Frieden ist heute relevanter denn je. Wir erleben derzeit zahlreiche Konflikte in fast allen Teilen der Erde, und die Suche nach einem nachhaltigem Frieden bleibt eine der zentralen Herausforderungen der Menschheit. Ausgangspunkt dieser Reflexion war ein Mailwechsel mit einem Freund: Ist absolute Gewaltlosigkeit realistisch und moralisch vertretbar? Gibt es Situationen, in denen Gewalt unausweichlich und daher „legitim” ist?

Dieser Beitrag beleuchtet verschiedene Perspektiven auf das Thema.

1. Die pazifistische Perspektive: Warum Krieg immer falsch ist

Krieg bedeutet unermessliches Leid, Zerstörung und traumatische Folgen für Individuen und Familien über Generationen hinweg. Pazifisten argumentieren, dass jeder Krieg ein Versagen der Diplomatie darstellt. Statt mit militärischer Gewalt sollten Konflikte immer durch Gespräche, wirtschaftliche Kooperation und Vermittlung gelöst werden.

Ein Hauptargument ist, dass Krieg stets unschuldige Opfer fordert. Die Bombardierung von unschuldigen Zivilisten, die Zerstörung von Infrastruktur und die langfristigen sozialen Folgen beweisen, dass Gewalt niemals eine echte Lösung sein kann. Bertha von Suttner, eine der bekanntesten Pazifistinnen, erörterte bereits 1889 in ihrem Buch Die Waffen nieder! ihre kompromisslose Ablehnung von Krieg.

Darüber hinaus führt die Militarisierung von Gesellschaften oft zu einem Teufelskreis der Aufrüstung. Mehr Waffen bedeuten nicht mehr Sicherheit, sondern bergen ein größeres Eskalationspotenzial. Staaten, die ihre Verteidigung ausbauen, provozieren oft andere Nationen dazu, ihrerseits aufzurüsten.

Die Geschichte zeigt, dass Gewalt oft nicht zur Lösung eines Konflikts führt, sondern zu neuer Gewalt und langfristigen Feindschaften. Kriege hinterlassen Hass, Vergeltungswünsche und Spannungen, die über Generationen hinweg bestehen bleiben. Gewaltlosigkeit hingegen durchbricht diesen Kreislauf.

Ein weiterer Aspekt ist die ethische Verpflichtung zur Gewaltfreiheit. Pazifisten argumentieren, dass Frieden aktiv gefördert werden muss: durch Bildung, internationale Zusammenarbeit und eine Kultur des gewaltfreien Widerstands. Jeder Konflikt – egal wie komplex – kann demnach durch Diplomatie, Mediation und gerechte Lösungen deeskaliert werden. Es gibt immer Alternativen zu Krieg, selbst wenn sie schwieriger oder langwieriger erscheinen.

Langfristiger Frieden entsteht nicht durch Drohungen oder militärische Stärke, sondern durch Vertrauensbildung, Kooperation und gegenseitiges Verständnis. Eine Welt ohne Waffen ist aus der Sicht des Pazifisten sicherer als eine Welt, in der Frieden nur durch die Angst vor militärischer Vergeltung aufrechterhalten wird.

2. Die realistische Perspektive: Warum Verteidigungsfähigkeit notwendig ist

Die pazifistische Position ist ein wertvolles Ideal, doch absolute Gewaltfreiheit gilt vielen, auch mir, als unrealistisch. Staaten haben die Pflicht, ihre Bürger zu schützen – eine funktionierende Verteidigung ist dafür unerlässlich. Geopolitische Spannungen und Machtinteressen sind eine Realität, und nicht alle Akteure handeln moralisch. Wer sich nicht verteidigen kann, macht sich angreifbar.

Totalitäre Regime und Aggressoren schrecken nicht vor Gewalt zurück. Demokratie, Freiheit und Menschenrechte müssen im Ernstfall verteidigt werden. Ein funktionierender Staat muss daher mit einem Gewaltmonopol ausgestattet sein, um interne und externe Bedrohungen abzuwehren. Abschreckung spielt dabei eine zentrale Rolle: Der Kalte Krieg beispielsweise zeigt, dass gegenseitige Abschreckung direkte Konfrontationen verhindern kann. Auch im Konflikt zwischen Nord- und Südkorea ist das zu beobachten.

Pazifisten lehnen Gewalt kategorisch ab, doch gibt es einen moralischen Unterschied zwischen Angriff und Verteidigung. Wer überfallen wird, darf sich wehren. Die Geschichte zeigt, dass radikaler Pazifismus Aggressoren nicht stoppt: Hitler hätte ohne militärischen Widerstand wahrscheinlich nicht aufgehalten werden können. Auch die Appeasement-Politik im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs verdeutlicht, dass zu viel Zurückhaltung als Schwäche ausgelegt werden kann, die Aggressoren nur ermutigt, weiterzumachen.

Frieden entsteht nicht allein durch guten Willen, sondern durch eine kluge Kombination aus Diplomatie, wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Verteidigungsfähigkeit. Wer Frieden will, muss ihn aktiv gestalten – und im Notfall schützen.

3. Der ethische Konflikt: Ist Gewaltfreiheit immer moralisch besser?

Die ethische Debatte dreht sich um die Frage: Ist Gewalt immer falsch, oder gibt es Situationen, in denen sie notwendig ist, um größeres Leid zu verhindern?

Pazifisten argumentieren, dass gewaltfreier Widerstand langfristig erfolgreicher ist als militärische Lösungen. Beispiele wie die Bürgerrechtsbewegung in den USA oder der gewaltfreie Widerstand von Gandhi zeigen, dass gesellschaftlicher Wandel auch ohne Gewalt möglich ist. Dennoch gibt es historische Situationen, in denen ein pazifistischer Ansatz nicht ausreichend war. Ein klassisches Beispiel ist wieder der Zweite Weltkrieg. Hätte eine gewaltfreie Strategie Hitler aufgehalten? Oder war militärische Intervention die einzige Möglichkeit, den Schrecken des Holocaust, den Völkermord in Osteuropa und die Expansion des NS-Regimes zu stoppen?

Auch aktuelle Konflikte wie der Krieg in der Ukraine werfen moralische Fragen auf: Hat ein angegriffenes Land nicht das Recht, sich zu verteidigen? Pazifisten würden argumentieren, dass diplomatische Lösungen hätten gefunden werden müssen, während Realisten darauf hinweisen, dass ein unbewaffneter Staat leichte Beute für Aggressoren ist.

4. Wege aus dem Dilemma: Gibt es eine Synthese?

Gibt es einen Mittelweg zwischen Pazifismus und Militarismus? Eine „wehrhafte Friedenspolitik” könnte eine Lösung sein. Frieden muss aktiv gestaltet werden: durch Diplomatie, internationale Zusammenarbeit und aktive Prävention von Konflikten. Staaten sollten dennoch über ein Mindestmaß an militärischen Reserven verfügen, um Abschreckung zu gewährleisten. Krieg darf immer nur als letztes Mittel im Verteidigungsfall eingesetzt werden, wenn alle diplomatischen Bemühungen gescheitert sind. Aufrüstung und Massenvernichtungswaffen sollten niemals Selbstzweck sein und es sollten immer Wege gesucht werden, abzurüsten und zugleich den Frieden zu bewahren.

5. Fazit: Ein Diskurs ohne einfache Antworten

Die Frage nach Krieg und Frieden bleibt komplex. Während Pazifismus ein erstrebenswertes Ideal ist, zeigt die Realität heute, dass Verteidigungsfähigkeit oft notwendig ist. Eine differenzierte Strategie, die Diplomatie bevorzugt, aber militärische Stärke nicht ausschließt, könnte ein tragfähiger Ansatz sein. Langfristig können Kommunikation, Verständigung und eine friedensorientierte Bildung dazu beitragen, dass immer mehr Menschen ihre Konflikte miteinander auf friedlichem Weg lösen. Davon bin ich überzeugt.

Reflexionsfragen:

  • Ist eine Welt ohne Kriege realistisch?
  • Bedeutet Pazifismus Schwäche, oder kann er eine Strategie der Stärke sein?
  • Kann eine Gesellschaft ihre Werte ohne militärische Absicherung bewahren?

Die epische Saga des GEG – Ein Gesetz, für das sich alle erwärmen. Nicht.

Vorgeschichte: Eine Ära der Wärme und Kälte

Es war einmal in den 1970er Jahren, als nach dem Wirtschaftswunder in Deutschland die Ölkrise fast alle Menschen mit Dach über dem Kopf eiskalt erwischte – und zwar buchstäblich. Plötzlich wurde klar, dass fossile Energie ein knappes Gut ist. *ironie an* Welche Überraschung! *ironie aus* Die Folge: Dämmstoffe waren fortan nicht nur ein Mittel zur Isolierung der eigenen vier Wände, sondern auch ein Symbol für nationalen Zusammenhalt. Deutsche im kollektiven Trotz gegen gierige Ölkonzerne. 1977 ging die Wärmeschutzverordnung (WSchV) dann auch relativ problemlos durch den Bundestag und Deutschlands erster Schritt zur Rettung der warmen Stuben war getan.

Energiesparen wird allgemeinverbindlich

Der Sprung ins neue Jahrtausend brachte uns nicht nur flache Bildschirme, sondern auch die Energieeinsparverordnung (EnEV, 2002). Die politische Elite auf EU-Ebene hatte erkannt, dass der Klimawandel mit dem Verbrauch fossiler Energieträger zusammenhängt. Man verständigte sich auf Maßnahmen auf nationaler Ebene. Endlich wurden mit der EnEV Neubauten und Renovierungen nach einem einheitlichen Standard geregelt.

Doch wie bei allen guten Ideen in Deutschland musste erst ein Gesetz geschaffen werden, das alle technisch möglichen Maßnahmen bündelt: das Gebäudeenergiegesetz (GEG, 2020). Allerdings erwies sich auch das GEG nicht gerade als ein Gamechanger, sondern eher als Mischmasch aus bestehenden Regelungen – quasi die Gesetzesversion eines Drei-Gänge-Menüs aus Resten im Kühlschrank. Es hatte zwar das Zeug zum Sattmachen, aber niemand wollte es wirklich, einfach weil es nicht sexy war.

Klimaziele mit Heizfaktor

„67 % weniger CO₂ bis 2030!“ hieß es großspurig im Klimaschutzgesetz von 2019. Und während andere Sektoren, wie zum Beispiel die Energiewirtschaft, kontinuierlich Fortschritte machten, wurde im Vergleich dazu der Gebäudesektor zunehmend zum Klimaproblemkind. Zu viele fossile Heizungen, im Altbestand sowieso, aber auch in Neubauten. Zu wenige Wärmepumpen, zu langsamer Fortschritt. Und im Hintergrund drohte die EU bereits mit Strafzahlungen.

Das Wirtschaftsministerium bereitet die GEG-Novelle vor

2023 war es dann so weit: Die GEG-Novelle sollte alles besser machen. Endlich Klimaschutz, endlich Fortschritt! Die Kernpunkte: Ab 2024 nur noch Heizsysteme mit 65 % erneuerbaren Energien in Neubauten und ein Fahrplan für Bestandsgebäude ab 2026.

Aber schnell wurde klar, dass es mit der Euphorie nicht weit her war. Die Novelle wurde im Volksmund zum „Heizungsgesetz“ abgestempelt – ein Name, der mit „Habeck” bald zum Reizwort der immer hitziger werdenden Debatten wurde.

Zwischen Applaus und Buh-Rufen

Befürworter und Kritiker der Gesetzesnovelle lieferten sich Schlammschlachten in den Talkshows und Social Media Kanälen der Republik. Die einen jubelten, dass der Gebäudesektor endlich auf Klimakurs gebracht wird. Die anderen belagten die Kosten für private Haushalte, bezweifelten die technische Machbarkeit und machten sich Sorgen um soziale Gerechtigkeit.

Die Regierung wusste: Das Gesetz musste durch, auch wegen der drohenden EU-Strafzahlungen, aber die Wähler mochten die Idee so sehr wie einen Kälteeinbruch im Mai. Und so wurde es am Ende mit Ach und Krach und unter schmerzhaften inhaltlichen Zugeständnissen an den damaligen Koalitionspartner FDP im Jahr 2023 beschlossen.

Ausblick

Was bringt die Zukunft? Werden Wärmepumpen zum neuen Statussymbol, neben Elektroautos? Oder werden wir noch in 20 Jahren darüber diskutieren, warum die Energiewende im Gebäudesektor nicht so recht vorankommt?

Interessanterweise berichten Wärmepumpen-Hersteller, dass der Tiefpunkt der Krise überwunden sei und das Interesse langsam zurückkehre. https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/waermepumpen-hersteller-sehen-tiefpunkt-der-krise-ueberwunden,UV4jOUt

Vielleicht schreiben wir 2040 die Erfolgsgeschichte des GEG. Oder 2050, vielleicht auch erst 2060 – dann, wenn uns der Klimawandel und die massiven Völkerwanderungen aus Ländern, die bis dahin unbewohnbar geworden sind, aus den eigenen vier Wänden vertreiben werden. *ironie an* Aber hey, wer braucht eigentlich noch eine Heizung, wenn in Mitteleuropa auch im Winter Badewetter herrscht? *ironie aus*

Immerhin: Wärmepumpen können auch kühlen. Die Technik funktioniert nach demselben Prinzip wie ein Kühlschrank oder eine Gefriertruhe – oder eben wie eine Klimaanlage. Vielleicht werden sie am Ende doch noch das Symbol der Energiewende. Nur wird es dann nicht mehr um warme Wohnzimmer gehen, sondern um kühle Köpfe in einer heiß gelaufenen Welt.

Der Geburtstag – Ein Fest des „Ich”?

Interessant, wie sehr wir den Geburtstag als selbstverständlich begreifen, als wäre er schon immer da gewesen – dieses kleine Fest rund um die eigene Person, das die meisten von uns jährlich zelebrieren, zumindest in den westlich geprägten Kulturkreisen. Dabei ist der Brauch, seinen Geburtstag zu feiern, noch gar nicht so alt. Erst die Neuzeit mit der Aufklärung brachte uns die Idee des Individualismus näher, und damit löste sich der Einzelne allmählich aus dem Kollektiv und rückte gleichzeitig mehr in den Mittelpunkt seiner persönlichen Lebenswelt. Denker wie John Locke bereiteten den Weg für das Konzept der individuellen Freiheit. Das Recht jedes einzelnen Menschen auf Leben, Selbstentfaltung und das Streben nach Glück – heute selbstverständliche Grundwerte unserer Gesellschaft – wurzelt tief in diesen Ideen.

An unserem Geburtstag dürfen wir Kerzen auspusten und uns etwas wünschen, das nur uns alleine gehört. Ein schöner Gedanke, nicht wahr? Ein kurzer Augenblick, der uns daran erinnert: „Du bist einzigartig und wertvoll. Wenn es dich nicht gäbe, man müsste dich erfinden.” – Es ist ein Tag, an dem sich alles um uns dreht, was sicherlich schön und wichtig ist. Doch habe ich den Eindruck, dass sich dieses Denken für viele über den Geburtstag hinaus erstreckt. Dass der Fokus auf das „Ich” den Blick für das große Ganze vernebelt. Da stellt sich mir eine größere Frage: Wie weit darf denn der Individualismus gehen? Klimawandel, Artensterben, soziale Ungleichheit, der ständige Druck, sich zu beweisen – all das sind auch Früchte einer Kultur, in der das „Ich“ oft über das „Wir“ gestellt wird. Konkurrenz und Ellenbogenmentalität tun ihr Übriges.

Vor diesem Hintergrund scheint mir das Fest des „Ich” symbolisch für einen grassierenden Narzissmus zu stehen, in dem der Mensch, ganz nach dem Trump-Motto „America first”, sich selbst der Nächste ist. Ein Beispiel: „Ich wollte schon immer mal nach XY [setzen Sie ein fernes Urlaubsziel Ihrer Wahl ein] reisen und da komme ich nur mit dem Flugzeug hin. Also fliege ich, auch wenn ich weiß, dass es der Umwelt schadet.” Weiteres Beispiel: „Ich kaufe mir das neue Smartphone, obwohl mein altes noch funktioniert – denn ich habe es mir verdient.” Auch hier steht das „Ich“ im Vordergrund, ohne die größeren Zusammenhänge zu beachten: Ressourcenverschwendung, Müll, Ausbeutung von Menschen in prekären Verhältnissen.

Das „Ich“ kann ohne das „Wir“ nur bedingt bestehen. Wir sind alle Teil eines größeren Netzwerks – mit anderen Menschen, der Natur und unseren Mitgeschöpfen. Was wir tun, wirkt sich nicht nur auf uns selbst aus, sondern auch auf unser persönliches Umfeld, auf die Gesellschaft, in der wir leben, und auf die Umwelt, die wir gemeinsam teilen. Jede Handlung, die auf unser eigenes Wohl zielt, hat direkte oder indirekte Auswirkungen auf andere – sei es durch den CO₂-Ausstoß einer Flugreise oder die Ressourcen für ein neues Smartphone. Und Veränderungen im Netzwerk wiederum bekommen auch wir zu spüren, positive wie negative.

Vielleicht sollten wir den Geburtstag anders denken – nicht nur als den Tag, der uns an unsere Einzigartigkeit erinnert, sondern auch als Anlass, über unsere Rolle in diesem Geflecht nachzudenken – über die Verantwortung, die wir für andere tragen. Wie wäre es also, wenn wir uns an diesem Tag nicht nur wünschen, dass unser eigenes Leben gelingt, sondern auch das Leben unserer Mitmenschen – oder gleich größer gedacht: dass alles Leben auf diesem Planeten gedeiht?

Die wahre Stärke des Individualismus scheint mir die Erkenntnis zu sein, dass unser „Ich“ nur im „Wir“ wirklich wachsen und sich entfalten kann. Und dass das „Ich” umgekehrt einen wichtigen Beitrag leisten kann zu einem gelingenden „Wir” – wenn es denn Verantwortung übernimmt. Von daher müsste die Überschrift hier vollständig lauten: Der Geburtstag: Ein Fest der Verbundenheit des „Ich“ im Lebensnetzwerk des „Wir“.